Fairtrade: Was ist der Mengenausgleich?

… und was wird denn da ausgeglichen?

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Ökostrom bestellt? Kommt dann nur Ökostrom aus der Steckdose raus und Atom- und Kohlestrom bleiben brav draußen? Das wäre in der Tat eine tolle Sache. Aber wie du dir sicherlich vorstellen kannst, gibt es keine Extra-Leitung, durch die nur Ökostrom fließen darf. Und weder sortiert jemand bei der Bundesnetzagentur die Elektronen mit der Pinzette nach Sorte, noch wird der Strom speziell gesiebt und gefiltert. Die Realität ist: obwohl de facto Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken bei dir ankommt, hast du rein rechnerisch für eine bestimmte Menge Ökostrom bezahlt. Und die wird tatsächlich irgendwo für dich produziert und ins Netz eingespeist. So ähnlich läuft es auch mit dem Fairtrade-Mengenausgleich.

Mengen-what?

Vielleicht hast du den Begriff „Mengenausgleich“ im Zusammenhang mit Fairtrade-Produkten schon einmal gehört oder auf einer Produktverpackung gesehen. Der Mengenausgleich kann bei den Produkten Kakao, Rohrzucker, Tee und Fruchtsäften angewandt werden. Aber was heißt das im Detail?

Fangen wir dazu mal anders herum an: Es gibt Fairtrade-Rohstoffe, die sich ohne Weiteres physisch zurückverfolgen lassen. Damit dies überhaupt möglich ist, dürfen sie nicht mit Produkten vermischt oder verarbeitet werden, die nicht aus Fairtrade-Produzentenorganisationen stammen. Fairtrade-Kaffee, -Bananen, -Rosen oder -Reis enthalten also keine Bestandteile ihrer konventionellen Pendants und das lässt sich über die gesamte Lieferkette bis ganz zurück zum Produzenten nachvollziehen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Fairtrade-Rohstoffe, die nicht getrennt von Nicht-Fairtrade-Rohstoffen verarbeitet werden können. Warum? Zum Beispiel aus mengenmäßigen, technischen oder logistischen Gründen: Es kann etwa sein, dass die Kooperative keine eigene Weiterverarbeitungsanlage besitzt und daher auf externe Betriebe angewiesen ist, die das für sie übernehmen. Damit die Rückverfolgbarkeit gegeben wäre, müssten diese Weiterverarbeitungsbetriebe die Fairtrade-Rohstoffe getrennt von konventionellen Rohstoffen lagern, die Produktion anhalten und nur die Charge des Fairtrade-Produzenten separat verarbeiten. Logisch, dass das sehr teuer und erst bei sehr großen Mengen wirtschaftlich wäre. Deshalb dürfen manche Fairtrade-Rohstoffe mit konventionellen Rohstoffen vermischt und verarbeitet werden. Fairtrade selbst hat ein schönes Video dazu produziert, in dem das etwas detaillierter beschrieben wird.

Wie beim Ökostrom-Beispiel, werden die Fairtrade-Rohwaren mit Nicht-Fairtrade-Waren zusammen verarbeitet und transportiert. Liefert ein Unternehmen oder ein Produzent eine bestimmte Menge Fairtrade-Rohstoffe an einen Verarbeitungsbetrieb, wo sie mit Nicht-Fairtrade-Rohstoffen vermischt werden, dann darf nur die entsprechende Menge verarbeiteter Produkte den Betrieb als Fairtrade-Ware verlassen. Das ist dann der Mengenausgleich.

Für die allermeisten Fairtrade-Produkte ist die physische Rückverfolgbarkeit längst gegeben. Aktuell gilt die Mengenausgleich-Regelung nur für Fruchtsaft, Zucker, Tee und Kakao. Würde Fairtrade darauf bestehen, dass diese Produkte zu 100 % rückverfolgbar sein müssen, hätte das enorme Nachteile für die Produzenten – bis hin zum Marktausschluss. Sie könnten nicht am Fairtrade-Programm teilnehmen und ihre Waren nicht zu Fairtrade-Konditionen verkaufen.

Okay, und wie läuft das bei der Baumwolle?

Klar – für ‘nen Workwear-Hersteller wie Weitblick steht der Rohstoff Baumwolle natürlich im Raum. Fairtrade hat speziell für diesen Bereich ein Programm für Baumwolle ins Leben gerufen, um die Leute zu unterstützen, die ganz am Anfang der textilen Wertschöpfungskette stehen. Du erinnerst dich: Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle (Link zu Blogtext), die Bäuerinnen und Bauern haben Schwierigkeiten, sich am Weltmarkt zu behaupten und überhaupt kostendeckend zu arbeiten.

Im Rahmen dieses Fairtrade Baumwoll-Programms verpflichten sich Textilunternehmen dazu, eine bestimmte, vereinbarte Menge an Baumwolle zu Fairtrade-Konditionen einzukaufen und diese in ihrer Produktion zu verwenden. Hier kann sie zwar mit konventioneller Baumwolle oder anderen Fasern vermischt werden, und auch wird dabei keine Rückverfolgbarkeit gefordert. Es ist aber ein  erster, wichtiger Schritt in puncto Nachhaltigkeit in der Beschaffungsstrategie. Außerdem verpflichten sich die Textilhersteller, einen bestimmten Anteil der von ihnen insgesamt benötigten Baumwolle in Fairtrade-Qualität einzukaufen und diese Menge Schritt für Schritt auf 10, 20, 40 oder mehr Prozent ihres Gesamtverbrauchs zu erhöhen.

Wir Menschen neigen als Individuen dazu, zu denken: „Was nützt es, wenn nur ich alleine etwas Gutes tue? Damit ändere ich ja nicht wirklich was!“ – und das stimmt prinzipiell auch. Aber die Realität zeigt, dass man niemals alleine ist, wenn es um eine gute Sache geht, wie zum Beispiel, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Baumwoll-Kleinbauern und ihren Familien zu verbessern. Deshalb sind die Workwear Hersteller BP – Bierbaum-Proenen, GREIFF, KÜBLER Workwear und natürlich auch Weitblick, sowie auch der Gewebeproduzent Klopman International eine Kooperation eingegangen, um den Anteil an fair gehandelter Baumwolle in der Berufsbekleidungsbranche zu steigern. Das Projekt heißt „Supporting Fairtrade Cotton“, in dessen Rahmen feste und immer weiter steigende Abnahmemengen vereinbart wurden.

Wenn viele Einzelne was tun, ändert sich was

Aus meiner persönlichen Perspektive als Konsumenten ist dieses Projekt der verschiedenen Workwear-Hersteller nicht nur die Konsequenz daraus, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen, was Nachhaltigkeit angeht. Es ist auch eine Reaktion auf uns Leute auf der Käuferseite. Es hört eben nicht beim Bio-Käse im Supermarkt auf. Immer mehr Trägerinnen und Träger von Berufsbekleidung oder anderen Klamotten erwarten einfach, dass das, was sie jeden Tag anziehen, auch nachhaltig hergestellt wurde. Von wegen: „Ich alleine kann doch nichts ausrichten“! Man kann sehr wohl etwas ändern – schließlich ist man ja nicht der oder die Einzige auf dieser Welt mit einer guten Idee. Und das gilt für die Käufer- als für die Herstellerseite gleichermaßen. Umso schöner, wenn sich viele Einzelnen mit einer guten Idee zusammentun!

Produkte aus nachhaltiger Herstellung sind durch Siegel und Logos natürlich immer als solche identifizierbar. Das ist bei diesem Projekt nicht anders. Anhand des „Supporting Fairtrade Cotton“-Logos an der Arbeitskleidung wird sichtbar, dass der Hersteller Baumwolle zu Fairtrade-Bedingungen eingekauft hat. Und so weißt man, dass man als einzelne Person mit dem Kauf eines Kleidungsstück einen kleinen Beitrag geleistet hat – gemeinsam mit vielen anderen, die die selbe Idee hatten, wie man selbst. Der Gedanke gefällt mir irgendwie!

Apropos Siegel: Wie schaut’s bei dir aus? Gibt es mittlerweile Dinge, bei denen du ausschließlich auf Fairtrade-, Bio- oder andere Zertifizierungen achtest, wenn du sie einkaufst? Schreib’s mir gern in die Kommentare!

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